Kirstin Wulf persönlich

„Wovon sollt ich satt sein? Ich sprang nur über Gräbelein und fand kein einzig Blättelein!“, dieser Ausspruch der Ziege im Märchen „Tischlein-deck-Dich“ hat mich als Kind sehr berührt. Ich hörte das Märchen Anfang der 70er Jahre auf meiner Vinyl-Single wohl einige Hundertmale. Warum hielt diese Geschichte mich so gefangen? Ich mochte einfach nicht glauben, dass ein Vater seine drei Söhne allesamt vom Hof jagte, da seine Ziege aus unerfindlichen Gründen behauptete, nicht genug Futter bekommen zu haben.

 

Der Rest der Geschichte konnte mich wenig milde stimmen. Warum sollte nach Jahren alles vergessen sein, nur weil es nun einen Wunder-Tisch, einen Goldesel und einen Holzknüppel gab? Aus weiblicher Sicht blieb mir diese Geschichte zeitlebens ein Rätsel. Denn niemand verlor je ein Wort über die Vergangenheit. Ich hätte gerne mehr über den Schmerz der Söhne erfahren, vom väterlichen Hof verstoßen worden zu sein. Und ich wollte es einfach nicht wahrhaben, dass Anerkennung sich oftmals erst einstellt, wenn Hab und Gut im Spiel sind.

Mein Leben fand in den ersten 20 Jahren ebenfalls auf einem Bauernhof statt. In der Lüneburger Heide bewirtschafteten meine Eltern einen kleinen Betrieb und alle Familienmitglieder hatten ihre Aufgaben. So auch wir drei Kinder. Wir bekamen früh Verantwortung übertragen – und je älter wir wurden, waren wir auch vollwertige Arbeitskräfte. So selbstverständlich es für uns war, mitzuhelfen, so schwerfiel es uns in den Ferien, wenn die Nachbarn und Freunde in den Urlaub fuhren. Geld bekamen wir für unseren Einsatz übrigens nicht. Insofern war die Ware „Anerkennung“ das wichtigste Gut, mit dem auch bei uns gehandelt wurde ...

Geld und Besitz sind für die Menschen wichtige Ressourcen, das war mir schon früh klar. Aber wie kommt es, dass in vielen Familien so wenig über Geld gesprochen wird? Ist es wirklich so, dass Geld immer nur dann zum Thema gemacht wird, wenn es Probleme und Streit gibt? Viele von uns haben genau diese Erfahrungen machen müssen. Insofern ist es verständlich, warum wir nicht gerne über Geld reden. Denn: Wer möchte schon an die unguten Erfahrungen erinnert werden? Und lieber lassen wir jahrzehntelang alte Konflikte unbearbeitet als uns aktiv an die Aufarbeitung zu machen.

Geht es auch anders? Ist es möglich, einen positiven Zugang zu entwickeln? Indem wir Altes hinter uns lassen können? Gibt es Menschen, die andere Erfahrungen gemacht haben und mit anderen offen über das Leben und auch das Geld sprechen? Über das, was ihnen persönlich wichtig, was erstrebenswert ist und wofür es sich im Leben zu kämpfen lohnt? Wofür entscheide ich mich täglich und warum? Was möchte ich erreichen, wen oder was unterstützen? Wie sehe ich meine eigene Rolle in der Gesellschaft? Geld als echtes Gestaltungsmittel für sein eigenes Leben zu betrachten ...

 

Wie wachsen Kinder mit Geld auf? Lässt sich bei ihnen nicht schon früh der Grundstein für einen veränderten Umgang mit dem Thema Geld legen? Damit sie lernen, ihr Leben und das ihres Umfeldes aktiv zu gestalten? 

 

Wir stellen uns diese und andere Fragen. Seit 2012 mit bricklebrit. Wir treffen auf Menschen, die uns die Tür nicht vor der Nase zuschlagen, sondern mit uns reden. Über sich, über ihre Kinder, über den Alltag, über die Zukunft, über ihre Wünsche, über ihre Träume, über die Schwierigkeiten, über ihre Erfahrungen, über das Lernen, über Veränderungen, über sich selbst. 

 

Und das ist schön. Diese Offenheit habe ich immer gesucht und diese Offenheit finden wir tagtäglich in unserem Austausch mit Eltern, Kindern, ErzieherInnen, LehrerInnen, Menschen aus der Wirtschaft, Menschen aus der Politik, Menschen, die sich engagieren. 

 

Sie alle haben ihre Geldgeschichte, sie alle haben ihre persönlichen Erfahrungen. Und indem sie darüber sprechen, verändert sich etwas. Im Austausch mit anderen, auf Augenhöhe und ohne Fingerzeig. Das ermutigt mich, das ermutigt uns bei bricklebrit.