Wie wachsen Menschen mit Geld auf?

Dann geh doch zur Bank und hol dir welches! (Ausschnitt)

Geld ist allgegenwärtig. Es bestimmt weite Teile unseres Lebens und ist für die meisten von uns nicht irgendein Thema, sondern ein hochemotionales. Und viele von uns haben eine negative Einstellung zum Geld. 

 

Als Über-Geld-Sprecherin mache ich Eltern, Großeltern, Pädagog:innen, Kindern und Jugendlichen das Angebot, über Geld zu reden. 

„Wie bitte? Warum denn das?“, werden Sie vielleicht fragen. „Verkaufen Sie Versicherungen, Kredite oder Anleihen? Sind Sie ‚so eine‘?“ 

Nein, das tue ich nicht. Ich hatte jahrelang beruflich nichts mit dem Thema Geld am Hut. Lebte ein Leben, in dem Geld zwar eine Rolle spielte, aber nie die Hauptrolle. Als Kind wuchs ich auf einem Bauernhof in der Lüneburger Heide auf; wir hatten nie viel. Auch als Studentin war mein Budget begrenzt. Dennoch wog die Freiheit in der großen Stadt Berlin dieses Defizit auf. Ich studierte Politik, lernte Russisch, jobbte, reiste, lebte in WGs und in Hinterhofwohnungen mit Kohleofen. Später pendelte ich für meine Arbeit, nahm viele Strapazen auf mich. Ich bekam zwei Kinder, musste Familie und Beruf miteinander vereinbaren, trennte mich vom Vater meiner Kinder und schlug mich durch. Geld war „irgendwie“ da, mal ging es aufwärts, zwischendurch auch mal abwärts. 

 

Es war das Leben mit meinen Kindern, das mich dazu brachte, bewusster über Geld nachzudenken.

 

Wie wachsen Menschen mit Geld auf?

 

Welche Bedeutung hat es in ihrem Leben?

 

Wie erwerben sie die vielen Kompetenzen, die sie für einen guten Umgang mit Geld benötigen?

 

Und welche können sie durch einen guten Umgang mit Geld erlangen?

 

Warum braucht es den gerade heute?

 

Welche Rolle spielen die Eltern in diesem Prozess – und welche die Konsumgüterindustrie, Werbung und Handel?

 

Was glauben wir von deren Botschaften?

 

Werden wir mit einem Produkt oder einer Dienstleistung schöner, glücklicher oder beliebter?

 

Wie ist es für unsere Kinder, in dieser Welt aufzuwachsen?

 

Wie schaffen wir es, ihnen das Rüstzeug mitzugeben, damit sie später ihren Weg gehen, für sich, ihre Familien und die Gesellschaft Verantwortung übernehmen, für sich sorgen können, das „richtige“ Maß zwischen Verzicht und Überfluss finden?

 

Welche Bilder vermitteln wir ihnen vom Leben?

 

Und welche machen sie sich selbst davon?

 

Kinder träumen nicht selten von Karrieren als Fußballer wie Ronaldo oder Messi, vom Ruhm einer Musikikone wie Rihanna oder der Bekanntheit eines Schauspielers wie Elyas M’Barek. Viele Kinder wollen in wenigstens einer Phase ihres Lebens reich und berühmt sein. Wie und wann beschäftigen wir uns gemeinsam mit unseren Kindern mit solchen Fragen? Und wie klären wir zunächst für uns selbst, was wir ihnen mitgeben wollen? Wie sollen sie werden? Was ist uns wichtig? Was haben wir von unseren Eltern gelernt?

 

Das Leben mit Kindern ist immer eine Herausforderung. Ihnen soll es gut gehen, es soll ihnen an nichts fehlen. Unsere Aufgabe ist es auch, sie auf das Leben vorzubereiten. Darauf angesprochen, sagen viele Eltern, dass sie sich bemühen, sich mit den vielen Fragen des Lebens bewusst auseinanderzusetzen: Ernährung, Bewegung, Bildung, Medien, soziales Lernen. Das Thema Geld gehört aber oft nicht dazu, obwohl es eine so große Bedeutung in unserem Leben hat. Viele blocken bei diesem Thema sogar ab. Da Geld und Konsum allgegenwärtig und mitunter erdrückend sind, uns außerdem ständig in Berührung mit allen möglichen Gefühlen bringen, ist es fast ein Reflex, sich dieser Dominanz zu entziehen, alles, was damit zu tun hat, lieber nicht so genau zu betrachten, es nicht so wichtig zu nehmen. Natürlich können wir warten, bis unsere Kinder das Thema von selbst anschneiden, statt sie früh in den finanziellen Alltag der Familie einzubeziehen. Wir können versuchen, sie von der Übermacht des Geldes fernzuhalten, indem wir „bewusst“ darüber schweigen. 

 

Quelle

Kirstin Wulf: Dann geh doch zur Bank und hol dir welches. Rätselraten ums Geld im Elternhaus. Cividale Verlag 2016, S. 7 ff.