Mama, wie viel verdienst Du eigentlich?

Stell Dir vor, Dein Kind steht vor Dir und fragt Dich nach der Höhe Deines Einkommens. Wie reagierst Du?

 

In den USA fürchten sich Eltern sehr vor solchen direkten Fragen ihrer Kinder. Ob das hierzulande ebenso ist?

 

Auf jeden Fall fühlen sich die meisten von uns im ersten Augenblick überrumpelt. Vielleicht haben wir irgendwann schon einmal  überlegt, dass der Tag kommen könnte, an dem unsere Kinder mehr von uns über unsere Finanzen wissen wollen. Ist der Moment gekommen, sind wir dennoch nicht vorbereitet.

 

Dazu kommt, dass uns die Übung mit Direktheiten dieser Art fehlt. Denn weder stellen uns andere Fragen zu unseren Finanzen, noch konfrontieren wir Dritte mit unserer Neugier. Und nur wenige von den wenigen, die diese Offenheit dennoch pflegen, empfinden Freude dabei. Das bietet Schutz und Sicherheit, verhindert jedoch auch einen vertrauensvollen Austausch mit Menschen, die uns nahestehen. 

 

Über Geld wird nicht gesprochen, so lautet die Überschrift über dieser gesellschaftlichen Regel, die wir immer noch als Tabu bezeichnen können. Verinnerlicht haben wir die damit verbundenen ungeschriebenen Gesetze in unserer Kindheit. Die Folge: Uns ist kaum bewusst, dass wir das Sprech-Verbot in weiten Teilen bis heute befolgen.

 

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#keinezahlen

 

Doch ich will noch einmal zu Eurem Nachwuchs und der Situation zurück, in der Ihr Euch dank des Wissensdurstes Eurer Kinder befindet. 

 

Entwarnung: Ihr müsst keine ehrliche Auskunft über die konkrete Höhe Eures Einkommens geben. 

 

Klar, es mag so klingen, als würde das Kind genau das von uns wissen wollen. Doch es ist gut, dass wir uns klarmachen, dass es zuerst und für viele Jahre um das Thema Geld in der Familie geht. Zumal Kinder nackte Zahlen lange Zeit erstmal gar nicht einordnen können. "Papa, sind wir arm oder sind wir reich?" – die Klassiker-Frage, auf die ganz bestimmt erstmal keine Zahlen gefragt sind. 

 

Im Austausch mit Eltern hat sich gezeigt, dass es sinnvoll ist (gern, nachdem wir einmal tief durchgeatmet haben) herauszufinden, was das Kind genau interessiert. Nun will ich Euch nicht empfehlen, auf eine Frage mit einer Gegenfrage zu reagieren. Unsere Kinder sind nicht blöd, sie merken schnell, wenn wir ablenken oder über etwas nicht sprechen möchten. Aber auf die Klassiker-Frage von oben lohnt ohne Zweifel erst einmal die Gegenfrage, was sich ein Kind überhaupt unter "arm" und was unter "reich" vorstellt.

 

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#früherwarallesbesser 

 

Früher waren Eltern ganz oft weniger diplomatisch und meist ganz direkt:

 

Das geht dich nichts an!

 

So etwas fragt man nicht.

 

Das verstehen Kinder nicht.

 

Das ist meine Angelegenheit.

 

So oder ähnlich wurden seit Generationen vertrauensvolle Gespräche übers Geld in Familien im Keime erstickt. Und Hand aufs Herz: Habt Ihr nicht auch schon mal so ähnlich geantwortet? Die wenigsten Kinder bleiben hartnäckig und lassen sich von Sätzen dieser Art nicht abschrecken. Trotzdem wird seit jeher deutlich: Da ist eine rote Linie, die man als Kind besser nicht (noch einmal) übertreten sollte. 

 

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#beispielantworten

... für die erste Reaktion

 

Alsoooo: Das Kind steht vor Dir (oder fragt von der Rückbank im Auto) und will wissen, wie es denn nun um Deine Finanzen bestellt sei. Wie viel Geld verdienst Du, Mama (Papa)? Was machst Du? Was sagst Du?

 

Du willst von mir wissen, wie ich es machen würde? Ich stelle mir das wie folgt vor (basierend auf Erfahrungen von anderen Eltern, und auch auf meinen):

  • Oh, das ist ne spannende Frage! Das werde ich nicht so häufig gefragt.
  • Weißt Du, in Deutschland wird über das, was ein Mensch mit seiner Arbeit verdient, nicht besonders offen gesprochen. Offen heißt, man sagt anderen nicht, wie viel Geld man genau verdient. Das habe ich auch immer so gemacht, weil ich das von meinen Eltern gelernt habe.
  • Lass mich einen Augenblick nachdenken. Was hältst Du davon, wenn wir nachher (oder morgen) noch einmal in Ruhe darüber sprechen? Jetzt habe ich noch andere Dinge im Kopf. Wenn ich es vergesse, erinnere mich bitte, ja? Dann könntest Du mir auch erzählen, warum du mich das gefragt hast. Denn ich will unbedingt wissen, was dich genau interessiert und worüber du schon nachgedacht hast. "

Zeit gewinnen" ist übrigens ein wichtiger Aspekt. Indem wir kurz "Stop" sagen, innehalten, durchatmen und überlegen, wie wir mit unserem Kind darüber sprechen wollen, können wir zunächst verhindern, irgendetwas Spontanes oder Unbedachtes zu sagen.

 

 

3

#beispielantworten

... für das spätere Gespräch

 

Später kommst Du also wieder auf die Frage Deines Kindes zurück. Du hattest ausreichend Zeit, um in Ruhe über Deine Antwort nachzudenken. In der Regel haben wir aber über viele andere Dinge nachgedacht und somit sind wir noch nicht viel schlauer. Du willst aber nun doch etwas auf die Frage Deines Kindes antworten. Folgende Ideen habe ich für Dich:

  • Du hast mich gefragt, wieviel ich im Monat verdiene. Ich finde die Frage super! Schließlich ist es gut, wenn Du Dir besser vorstellen kannst, wie ich (wir) das mit dem Geld mache(n).
  • Ich verdiene ne ganze Menge Geld (oder auch nicht), das bekomme ich immer am Anfang des Monats. Das ist nicht so wie früher, da kriegten alle, die gearbeitet haben, am Ende der Woche oder des Monats einen Umschlag mit ihrem Geld. Heute ist das anders. Ich kann im Computer nachschauen, wann mein Geld auf meinem Konto ist (das mit dem Konto ist wirklich sehr schwer für Kinder zu verstehen, daher bietet es sich an, das später einmal zu besprechen. Alles, was es konkreter und sichtbarer macht, hilft Kindern, diese virtuellen Prozesse zu begreifen).
  • Dann gibt es viele Dinge im Monat, die wir als Familie bezahlen müssen und die Geld kosten. Mein Geld, das ich verdiene, dient also dazu, unser Leben zu bezahlen (und hier bietet sich an, damit zu beginnen, Kindern von unseren Ausgaben zu erzählen. Am besten altersgerecht und in kleinen Häppchen).
  • Wie gesagt: Vor allem für jüngere Kinder kann es überfordernd sein, mit "echten" Zahlen konfrontiert zu werden. Im Gespräch mit mir gebe ich Dir sehr gern ein paar Tools an die Hand, die Dir das Gespräch spürbar erleichtern!
  • Am Ende eines Monats ist dann meist immer noch ein bisschen Geld übrig. Denn mehr Geld auszugeben als man hat, das ist ja nicht so gut. Oder?

 

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#findeteureneigenenstil

 

Beim Über-Geld-Sprechen ist es so, dass den meisten von uns die Übung fehlt. Daher ist es manchmal ein längerer Weg herauszufinden, was das eigene Maß oder der eigene Stil ist. Es fühlt sich für die meisten am besten an, mit kleinen Schritten anzufangen und unterschiedliche Dinge zunächst auszuprobieren.

 

Denn vergesst nicht: Wir können uns jeder Zeit korrigieren und später sagen, dass wir gemerkt haben, dass wir es gern anders machen oder besprechen wollen. Mut zur Lücke. Es gibt kein "richtig oder falsch". Gut ist, wenn wir authentisch sind und bleiben können. Wir sind nicht perfekt und machen als Eltern nicht alles richtig. Wie bei anderen Dingen eigentlich auch: Findet heraus, womit Ihr Euch wohlfühlt und wie offen und ehrlich Ihr sein wollt. Und wenn Ihr einen Moment braucht, um über Eure Worte nachzudenken, dann nehmt sie Euch. 

 

Viel Spaß beim Ausprobieren.

 

Ich bin gespannt auf Eure eigenen Wort-Erfahrungen.

 

Und ein bisschen auf die Reaktionen Eurer Kinder :-)

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