Das Langzeitgedächtnis im Schuhkarton: Was geht ab im Gehirn?

Nächste Woche leite ich einen zweiteiligen Workshop im Rahmen eines Studientages an einer Grundschule in Berlin.

 

Im Vorfeld gab es einen Austausch mit dem Schulleiter, der seine Erwartungen an diese Veranstaltung äußerte. Er wünscht sich, dass die Belegschaft durch den Workshop mehr über Kinder mit ADHS erfährt und gleichzeitig praktische Ansätze erhält, die direkt im Unterricht umsetzbar sind. Da es sich um eine inklusive Schule handelt, in der auch Kinder mit körperlichen und geistigen Behinderungen unterrichtet werden, möchte der Schulleiter auch Informationen über Diagnosemöglichkeiten und -orte erhalten.

 

Die Anforderungen sind vielfältig und umfangreich, aber ich bin entschlossen, mein Bestes zu geben. Da ADHS eine neurobiologische Entwicklungsstörung ist und nicht nur ein Verhaltensproblem darstellt, ist es wichtig, die unsichtbaren Aspekte hinter dem Verhalten von vielen Kindern sichtbar und verständlich zu machen.

 

Als Über-Geld-Sprecherin bin ich es gewohnt, unsichtbare Dinge so zu beschreiben, zum Leben zu erwecken, damit Kinder diese Dinge besser verstehen lernen. Denn wenn sie Dinge und Prozesse nicht mehr sehen, um zu begreifen, wenn dazu noch Eltern nicht mit ihnen darüber sprechen und somit diese Teil-Welten, die sie irgendwann verstehen sollten, verständlicher zu machen, bleiben diese Elemente im Leben von Kindern ein Rätsel. Das muss nicht sein. Wir können Dinge enträtseln. Dazu müssen wir sie aber erst einmal selbst begreifen. Und das tun wir eben auch nicht immer. Irgendwann drehen wir uns alle im Kreis ... 

 

Nachdem ich bereits einige vielversprechende Ansätze zur Entlastung des Arbeitsgedächtnisses kennengelernt habe, möchte ich diese im Workshop präsentieren. Es erscheint mir sinnvoll, das neu erworbene Wissen in einem Format zu vermitteln, das für alle Teilnehmenden leicht zugänglich ist und gleichzeitig für die Arbeit mit den Kindern vor allem im Unterricht dienen kann. Dies bietet nicht nur die Möglichkeit, die Anwesenden zu ermutigen, ähnliche Ansätze in ihrem Unterricht anzuwenden, sondern auch als Vorbild zu dienen.

 

Bei Kindern und Erwachsenen mit ADHS besteht in den meisten Fällen ein Problem mit der Kapazität des Arbeitsgedächtnisses. Es gilt gleichzeitig als "Flaschenhals" (Bottleneck) für die Speicherung von Wissen im Langzeitgedächtnis. Die Folge: Weniger Zugriff auf wichtiges Wissen, weniger Erfolge beim Lernen schon früh bei Kindern mit ADHS. Darüber hinaus kann ein besseres Verständnis dieser Zusammenhänge dazu beitragen, Vorurteile und Missverständnisse gegenüber Personen mit ADHS abzubauen und ihre Bedürfnisse besser zu berücksichtigen. 

Das Langzeitgedächtnis im Karton ("unser Erinnerungsvermögen")

Das Langzeitgedächtnis werde ich in einem Karton darstellen. Noch ist nicht klar, wie ich diesen gestalten werde, aber das Innenleben dieses Kartons – also des Langzeitgedächtnisses – wird entscheidend sein.

 

Es gibt drei zentrale Elemente innerhalb des Langzeitgedächtnisses: das Faktenwissen (semantisches Gedächtnis) und das episodische Gedächtnis. Dazu kommt das implizite Wissen, das ebenfalls Teil des Langzeitgedächtnisses ist und Fähigkeiten, Gewohnheiten, Verhaltensweisen und unbewusste Prozesse umfasst, die oft schwer in Worte zu fassen sind.

 

Das Langzeitgedächtnis ist die Fähigkeit, Erlerntes durch Speicherung und Abruf dauerhaft zu behalten und Informationen aus dem Unterbewusstsein wieder ins Bewusstsein zurückzuholen. Häufig wird es auch mit dem Erinnerungsvermögen gleichgesetzt, da es eine der zentralen Schnittstellen des menschlichen Handelns darstellt. Ohne das Gedächtnis wäre der Mensch nicht handlungsfähig. 

 

Was aber ist es wert, im Langzeitgedächtnis abzulegen? Was wichtig ist? Das ist ein Prozess, auf den ich an dieser Stelle weniger eingehen möchte. Wir können es uns aber als eine Art Prüfverfahren vorstellen, an dem mehrere Gehirnteile beteiligt sind. Oft sind es die Dinge, die uns wichtig sind oder die mit starken Emotionen verbunden werden (negativ: Ängste, Frust oder Wut, Schuld und Scham, positiv: Spaß, Freude, Anerkennung).

 

Wenn wir über eine Sache schon sehr viel wissen – bei meinem Sohn waren es damals die Dinosaurier oder unterschiedliche Verkehrsmittel – dann ist fast zu erkennen, dass jede neue Information auf eine bereits vorhandene Struktur fällt und somit gut abgelegt werden kann. Wenn wir etwas zum ersten Mal hören und eine solche Einordnung fehlt, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass auch diese neue Informationen schnell wieder von uns vergessen wird. 

 

Wie lange bleiben Erinnerungen in unserem Langzeitgedächtnis vorhanden? Auch das ist unterschiedlich. Manchmal sind es Tage oder Jahre, manchmal vergessen wir bestimmte Dinge nie, obwohl sie schon 50 Jahre oder mehr zurückliegen. Die Kapazität und Dauer ist praktisch unbegrenzt.

 

Das Langzeitgedächtnis kann weiter in zwei Haupttypen unterteilt werden: das deklarative Gedächtnis, das Fakten und Ereignisse umfasst, und das prozedurale Gedächtnis, das Fähigkeiten und Gewohnheiten umfasst.

 

Wie genau müssen wir uns also diesen "Speicherprozess" vorstellen?

 

v- Die Dual-Coding-Theorie geht davon aus, dass das Gedächtnis verbessert wird, wenn Informationen sowohl durch verbale als auch visuelle Darstellungen codiert werden. Diese Theorie legt nahe, dass die Nutzung mehrerer sensorischer Modalitäten während der Kodierung stärkere Gedächtnisspuren erzeugen kann. Wenn Sie beispielsweise eine neue Sprache lernen, kann die Verknüpfung von Vokabeln mit entsprechenden Bildern oder Gesten das Gedächtnis verbessern, indem sowohl verbale als auch visuelle Kodierungsprozesse aktiviert werden.

 

Innerhalb des Langzeitgedächtnisses gibt es zwei Hauptkategorien: das deklarative (explizite) Gedächtnis und das prozedurale (implizite) Gedächtnis. Das deklarative Gedächtnis bezieht sich auf die bewusste Erinnerung an Fakten und Ereignisse, während das prozedurale Gedächtnis die unbewusste Erinnerung an Fähigkeiten und Gewohnheiten beinhaltet. Beide Speichertypen können weiter in Unterkategorien unterteilt werden. Zum deklarativen Gedächtnis gehören beispielsweise das semantische Gedächtnis (allgemeines Wissen) und das episodische Gedächtnis (persönliche Erfahrungen).

 

 3. Erinnerungsabruf: Das gespeicherte Wissen freischalten

Die letzte Phase des Gedächtnisses umfasst das Abrufen, den Prozess des Zugreifens und Abrufens gespeicherter Informationen bei Bedarf. Der erfolgreiche Abruf hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter den verfügbaren Hinweisen, der Stärke der Gedächtnisspuren und dem Kontext, in dem die Informationen kodiert wurden. Das Verständnis effektiver Abrufstrategien kann unsere Fähigkeit verbessern, Informationen abzurufen und zu behalten.

 

. Schritt 3: Dieser Prozess startet meist, wenn sich Informationen widersprechen: Fahrt ihr etwa täglich von einer neuen Bushaltestelle ab, vergisst euer Gehirn die alte bald. So vermeidet es, dass ihr in Zukunft durcheinander kommt – und sorgt dafür, dass ihr euch auf Veränderungen in eurem Leben einstellen könnt. Dafür nimmt man doch gern ein paar Gedächtnisausfälle in Kauf. 

 

Nach ein paar Augenblicken verblassen Wörter und Zahlen im Kurzzeitgedächtnis. Aber natürlich gibt es Sachen, die wir uns länger merken müssen - denkt nur an euren Namen: Wenn ihr den alle paar Minuten vergessen würdet, wäre das megapeinlich. Deshalb werden die Informationen nun an das Langzeitgedächtnis weitergeleitet. https://www.geo.de/geolino/wissen/10580-rtkl-das-gedaechtnis-wie-unser-gehirn-funktioniert

 

 

Das Langzeitgedächtnis kann Wörter, Bilder, Gerüche oder Töne jahrelang speichern. Allerdings hat es einen sehr strengen Wächter: das limbische System in der Mitte unseres Kopfes. Dieser Hirnbereich überprüft jede Neuigkeit genauestens. Ist sie wichtig? Gut oder schlecht? Oder wenigstens witzig? Viele Nachrichten wirft es dann einfach weg. Andere lässt es durch, und besonders jene, bei denen ihr starke Gefühle empfindet. 

 

Wie das Langzeitgedächtnis arbeitet, wissen Forscher bis heute nicht genau. Fest steht: Es sitzt nicht nur an einem Platz im Gehirn. Das limbische System schickt die wichtigen Nachrichten vielmehr an ganz verschiedene Stellen der Großhirnrinde.

 

Die Speicherung im Langzeitgedächtnis stellt den dritten und letzten Schritt in der Informationsverarbeitung dar. Wenn Informationen dort ankommen, sind sie zuvor schon im sensorischen Gedächtnisaufgenommen und dann über das Kurzzeit- bzw. Arbeitsgedächtnis weitergeleitet worden. Diesen Prozess veranschaulicht dir die folgende Abbildung: https://www.studysmarter.de/schule/psychologie/grundlagendisziplinen-der-psychologie/langzeitgedaechtnis/ 

 

3 Speicher-Modell: https://groups.uni-paderborn.de/zsb-fit-fuers-studium/index.php/wissenschaftliches_lernen/das-drei-speicher-modell-so-bleibt-der-lernstoff-im-gedaechtnis/

 

Warum Karton? Aufgrund des Begriffs "Speicher" - ich kenn es vom Bauernhof. Da gab es den Getreidespeicher oder die Vorratskammer. Auch wenn es keine statische Sache ist, denn auch hier müssen Informationen rein und raus (so wie mit dem Getreide oder den Eiern in der Vorratskammer), so ist es doch leichter, sich zunächst einen Ort vorzustellen. Und sich etwas vorzustellen erleichtert es uns, uns auch das viele Wissen, was hier gefordert ist, sich zu merken oder eben auch – nicht zu vergessen!

  • Faktenwissen (Blau)
  • Format: Rechteckige Karten oder Zettel
  • Beispiele: Definitionen von ADHS, Symptome, Ursachen, Behandlungsmöglichkeiten, Statistiken
  • Episodisches Gedächtnis (Grün)
  • Format: Runde Karten oder Zettel
  • Beispiele: Persönliche Erfahrungen im Umgang mit Kindern oder Erwachsenen mit ADHS, konkrete Beispiele für Situationen, in denen ADHS eine Rolle gespielt hat, emotionale Erlebnisse oder Begebenheiten im Zusammenhang mit ADHS.
  • Implizites Wissen (Rot)
  • Format: Dreieckige Karten oder Zettel
  • Beispiele: Intuition im Umgang mit Personen mit ADHS, praktische Fertigkeiten im Umgang mit herausforderndem Verhalten, automatisierte Verhaltensweisen oder Reaktionen

 

 

 Karteikastenbox im großen Schrank!

Karteikasten von Paul (transparent)