Eltern | Kinder | Geld | Corona

Seit vielen Jahren sprechen wir mit Eltern, Kindern, Jugendlichen, Großeltern, Erzieherinnen und allen, die wollen, über Geld. 

 

Häufig finden diese Gespräche ganz losgelöst von akuten Problemlagen in der Familie statt. Dann geht es ums Taschengeld, wie Kinder sparen oder Geld ausgeben und wie Eltern es schaffen, ihrem Nachwuchs einen guten Umgang mit Geld zu vermitteln. Dabei reden wir viel über Bedürfnisse, Glaubenssätze, Werte und Gefühle rund ums Geld.

 

Seit Beginn der Corona-Krise hat sich auch unser Arbeiten verändert. In vielen Familien sind neben vielen gesundheitlichen Fragen, Sorgen um das Familieneinkommen gekommen. 

 

Viele Eltern wissen derzeit noch nicht, ob sie ihren Job behalten. Ob sie vorübergehend arbeitslos sein werden oder mit weniger als zuvor auskommen müssen. Eltern, die selbstständig sind, kannten es vielleicht schon, schwankende Einnahmen zu haben. Nun stehen ganze Branchen vor dem finanziellen Aus: der Blumenladen, das Restaurant oder das Schuhgeschäft. Freiberufliche Eltern fallen Einnahmen weg, da sie nicht mehr auftreten können oder wichtige Aufträge storniert wurden.

 

Für viele Familien werden die kommenden Wochen und Monate von der Unsicherheit bestimmt sein, wie es ökonomisch weitergeht. Gleichzeitig sind wir auf ungewisse Zeit aufgefordert, den Großteil unseres Alltags zu Hause zu bleiben und die Zeit mit unseren Kindern zu verbringen. 

 

Wie gehen Sie als Eltern mit dieser Situation um? Wie sprechen Sie zu Hause mit Ihren Kindern über Geld, Ihre privaten Finanzen, die Zukunft, Ihre Ängste und Gefühle?

Über Geld reden — jetzt auch?

Ist Schweigen nicht besser, um mein Kind zu schützen?

Eine verbreitete Annahme unter Eltern ist, dass es gut ist, wenn wir Kinder von unseren finanziellen Sorgen fernhalten. Da es sich um schmerzhafte Erfahrungen handelt, die wir derzeit machen, spricht hieraus der Wunsch, unsere Kinder beschützen zu wollen. Das ist äußerst nachvollziehbar!

 

Unsere Aufmerksamkeit ist in solchen Phasen allerdings auf viele Dinge gerichtet. So bemerken wir nur selten, dass es diesen Schutz nicht geben kann. Der Grund sind unsere Kinder selbst. In den seltensten Fällen können wir ihnen etwas vormachen. Sie sind Wahrheitssuchende und Lügen-Detektive. Vor allem sind sie Spürnasen für Gefühle, Sorgen und aufziehenden Veränderungen, die sie als Gefahren wahrnehmen. Meist sammeln sie ihre Beobachtungen im Stillen. Fragen nicht oder konfrontieren uns mit ihren Gedanken und unseren eigenen Widersprüchen. Wovon wir als Eltern immer ausgehen sollten: Kinder merken, wenn etwas nicht stimmt. 

 

Warum das so ist? Unsere Kinder kennen uns. Sie beobachten und sehen, dass wir uns anders verhalten. Ob wir morgens früher aufstehen oder abends ein Glas mehr trinken. Ob wir stiller oder lauter werden. Wenn unseren Worten seltener Taten folgen oder Grundsatzdiskussionen über Kleinigkeiten geführt werden. Sie spüren, dass unsere Nerven blank liegen, wir reizbar, ungeduldig, ungerecht oder aggressiver geworden sind. 

 

Die Erfahrungen der letzten Jahre als Über-Geld-Sprecherin lehren mich: Wann immer Eltern versuchen, ökonomische Probleme vor ihren Kindern geheimzuhalten, gelingt es ihnen nur partiell. Kinder müssen dazu übrigens nicht an der Tür lauschen oder heimlich Ihre Emails lesen. Neben den Beobachtungen im familiären Alltag kommen dazu die viele Medienberichte über die Folgen der Corona-Krise. Insofern kann es manchmal ein Satz in der Tagesschau sein, der Kinder fragen lässt, was das Ganze mit Mama oder Papa zu tun hat.

 

Noch heute träumen Kinder von Hänsel und Gretel. Sie erinnern sich an das Märchen der Gebrüder Grimm? Da das Geld fehlte, wurden die Geschwister von ihren Eltern in den dunklen Wald geschickt. Die Sicherheit und Geborgenheit eines Zuhauses war von heute auf morgen weg. Armut bedeutete für Hänsel und Gretel, verlassen zu werden. Darüber hinaus haben sich die beiden bestimmt gefragt, ob sie nicht weniger hätten essen sollen, um zu verhindern, fortgejagt zu werden.

 

Mittelalterlicher Blödsinn? Nein, ganz und gar nicht. Das Märchen zeigt Ängste auf, die häufig dann hochkommen, wenn Kinder spüren, dass Eltern in wirtschaftlichen Schwierigkeiten stecken.

Darum ist es wichtig, gerade jetzt über Geld zu sprechen.

Derzeit dreht sich viel um die Frage, wie es in Zukunft weitergeht. Was müssen, was können wir heute tun, um unsere ökonomische Existenz zu sichern? Wie leicht kann es also passieren, dass wir nicht bemerken, dass Kinder Hänsel-und-Gretel-Ängste entwickeln?

 

Nochmals: Grundlage für diese Ängste sind ihre Beobachtungen und Gefühle. Kinder machen sie sich sehr schnell ihren eigenen Reim aus dem, was um sie herum geschieht.

 

Wir haben nur einen Weg, diesen sich entwickelnden Ängsten die Kraft zu nehmen: lasst uns mit unseren Kindern sprechen, auch wenn es schwerfällt.

 

Dabei gibt es kein Modell. Aber wenn wir den Wunsch haben, aufrichtig zu sein und altersgerecht die Lage einordnen können, dann ist den Kindern sehr geholfen. Wir fehlen unseren Kindern, wenn wir Dinge nicht erklären, die sie noch nicht verstehen. Wir sind wichtig, Sachverhalte mit ihnen zusammen einzuordnen. 

 

Kinder müssen von uns vor allem hören, dass wir an Lösungen arbeiten. Das gilt auch, selbst wenn wir noch nicht wissen, wie diese aussehen. Aber nur so zeigen wir ihnen, dass wir bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Das mag nicht immer gelingen. Dennoch brauchen Kinder dieses Signal. Hilflosigkeit, die wir empfinden mögen, befeuert hingegen die Verlustängste unserer Kinder.

 

Erzählen Sie von den vielen Menschen, die derzeit an Lösungen arbeiten. Ob alles so wird, wie früher, ob es finanziell (für uns) gut ausgeht, das wissen wir nicht. Es ist in diesem Zusammenhang jedoch nicht wichtig, Kindern Lösungswege zu präsentieren, die es noch nicht gibt. 

 

Das offene Wort zählt mehr als alles andere. Wenn wir sie einbeziehen, fühlen sie sich Ernst genommen. Und können im besten Fall auch darüber sprechen, was ihnen Angst macht. Kein Kind wird in den Wald geschickt. Keine Familie muss in diesem Land an Hunger sterben. Und es ist nicht ihre Schuld, dass Papa oder Mama weniger Geld auf dem Konto haben als noch vor wenigen Wochen. 

 

Das ist uns klar. Doch wir sind es, die es auch aussprechen müssen.