Zwischen Wollen und Tun – Interview zu Selbstregulation & mentaler Belastung

Illustration einer Frau im Homeoffice am Computer, die die Herausforderungen der Selbstregulation im Arbeitsalltag und bei mentaler Belastung symbolisiert

Zwischen Wollen und Tun

Selbstregulation, mentale Belastung und warum Umsetzung oft schwieriger ist als gedacht

Interview von Johannes Zülicke

mit Kirstin von bricklebrit

Im Gespräch erzählt Kirstin, wie wichtig es ist, Selbstregulation zu verstehen – also die unsichtbaren inneren Prozesse, die beeinflussen, wie wir unsere Vorsätze umsetzen und uns dabei oft ausbremsen, solange sie nicht bewusst wahrgenommen werden.

Sich auf diesen Weg des Verstehens zu machen – so Kirstin – ist dabei kein Umweg, sondern die Grundlage dafür, häufiger und wirksamer ins Handeln zu kommen und gleichzeitig mentalen Stress zu reduzieren.

Seminar-Hinweis

„Ich will, ich kann, ich mach –
Selbstregulation als Schlüsselkompetenz“

13.–15. November 2026

Evangelische Heimvolkshochschule Alterode · Kursnummer: 10486

Informationen & Kursbeschreibung:
https://www.hvhs-alterode.de/auf-kurs/

Anmeldung bis 23. Oktober 2026
über das Kontaktformular der Heimvolkshochschule

Johannes Zülicke:

In der Vorbereitung auf unser Gespräch über Ihren neuen Kurs „Ich will, ich kann, ich mach – Selbstregulation als Schlüsselkompetenz“, den wir im Herbst in unser Programm aufgenommen haben, ist mir aufgefallen, dass bestimmte Themen derzeit immer wieder auftauchen.


Viele Menschen beschreiben, dass sie eigentlich viel vorhaben, dass sie viel zu tun haben und ihr Kopf ständig voll ist. Sie erzählen davon, dass sie trotz großem Einsatz weniger schaffen, als sie sich vorgenommen haben, dass sie sich belastet fühlen und immer wieder nach schneller Entlastung suchen.


Begriffe wie Stress, Überforderung oder Mental Load fallen dabei häufig. Ist das eher ein Zeitgeist-Phänomen oder steckt dahinter etwas Grundsätzlicheres?

Kirstin Wulf:

Ich würde sagen: Die Begriffe gehören vielleicht zum Zeitgeist. Das Erleben dahinter ist eher ein Symptom unserer Zeit.


Viele Menschen müssen heute beruflich wie privat unglaublich viel eigenständig koordinieren, entscheiden und Probleme lösen. Darüber wird inzwischen mehr gesprochen, aber die Belastung selbst ist kein Trend.


Im Kern geht es dabei um Selbstregulation – und um die Frage, wie diese Prozesse unter den Bedingungen unseres Alltags funktionieren.

Illustration von drei Personen in einem Gespräch über Arbeitsbelastung, To-do-Listen und Stress im Alltag, symbolisch für mentale Überforderung und fehlende Selbstregulation

 

Johannes:

Dann sind es also gar nicht nur die vielen Aufgaben auf unseren mentalen To-do-Listen, die uns beschäftigen?

Kirstin:

Nein, aber wir führen unser Erleben häufig auf die Menge der Aufgaben zurück.


Und natürlich liegt es nahe, sich einfach weniger Aufgaben zu wünschen.

Johannes (lacht):

Ja, unbedingt!

Kirstin:

Wenn wir genauer hinschauen, merken wir jedoch: Aufgaben sind nie einfach nur „da“.


Sie müssen eingeordnet werden. Was ist wichtig? Was kann warten? Was hängt womit zusammen? Welche Schritte sind sinnvoll? Was muss ich noch klären, bevor ich überhaupt handeln kann?


Diese ganze Strukturierungs- und Entscheidungsarbeit passiert meist im Hintergrund – in unserem Denken. Genau diese Prozesse des Planens, Einordnens, Entscheidens und Steuerns bezeichnen wir als Selbstregulation.

Johannes:

Das heißt, wenn ich mir weniger Aufgaben wünsche, wünsche ich mir vielleicht gar nicht nur weniger Arbeit, sondern eigentlich weniger denken zu müssen?

Kirstin:

Vermutlich, ja.


Und es hilft, sich klarzumachen: Die eigentliche Anstrengung liegt in dieser ständigen gedanklichen Koordination.


Dazu gehört auch, Prioritäten zu setzen, Optionen abzuwägen und auf Veränderungen zu reagieren. Das sind gewissermaßen die „Aufgaben hinter den Aufgaben“.

Johannes (denkt nach):

Das würde zugespitzt heißen: Uns stressen und überfordern weniger die Aufgaben auf unseren To-do-Listen selbst, sondern das Denken, das jede dieser Aufgaben im Hintergrund erfordert?

Illustration zum Interview über Selbstregulation und Umsetzung im Alltag: Darstellung mentaler Belastung und der inneren Prozesse zwischen Vorsätzen und tatsächlichem Handeln

Kirstin:

Ja – wobei es wichtig ist zu ergänzen: Dieses „Denken“ ist nicht nur Nebenprodukt, sondern die eigentliche kognitive Leistung, die dafür sorgt, dass wir die Aufgaben überhaupt bearbeiten können.


Und diese Leistung kostet Energie.

Johannes:

Das klingt so, als hätte diese kognitive Arbeit so etwas wie einen Energiepreis. Wie muss ich mir das vorstellen?

Kirstin:

Diese Arbeit findet in unserem Gehirn statt. Das ist ein sehr komplexes System mit vielen parallelen Prozessen – und genau das ist Selbstregulation: kein einzelner Vorgang, sondern das Zusammenspiel unterschiedlicher Prozesse.


Vereinfacht gesagt braucht jede Form von kognitiver Aktivität im Rahmen dieser Prozesse Ressourcen – und diese Ressourcen sind nicht unbegrenzt verfügbar, abhängig von unserem jeweiligen Zustand.


Unser Gehirn arbeitet dabei grundsätzlich nicht verschwenderisch, sondern versucht, Energie so sparsam wie möglich einzusetzen.


Je mehr bewusste Steuerung, Planung, Entscheidungen oder Impulskontrolle erforderlich sind, desto höher wird gewissermaßen der „Energiepreis“ dieser Prozesse.

Johannes:

Und wenn dieser Preis zu hoch wird – ist das der Punkt, an dem wir uns überfordert fühlen?

Kirstin:

Oder schon dann, wenn unser Gehirn erwartet, dass viele Steuerungsprozesse nötig sein werden, kann das als Überforderung erlebt werden.


Dann entstehen häufig Strategien, die den Aufwand im Moment verringern sollen – zum Beispiel indem etwas aufgeschoben oder vermieden wird, obwohl dadurch später oft noch mehr zu tun ist.

Johannes:

Wenn ich das zusammennehme, entsteht dann ein Kreislauf: Aufgaben kosten Energie, und wenn das nicht gut aufgefangen wird, baut sich leicht Druck auf, weil wir hinter unseren eigenen Plänen zurückbleiben. Das erhöht wiederum die Wahrscheinlichkeit für kurzfristige Entlastung durch Aufschieben oder Vermeiden – wodurch sich der Kreislauf verstärkt. Habe ich das so richtig verstanden?

Kirstin:

Absolut!


Wichtig ist dabei: Das passiert nicht als bewusste Entscheidung, sondern als Ergebnis von automatischen Bewertungs- und Steuerungsprozessen im Hintergrund. Wahrnehmbar wird das meist nur indirekt – etwa über Anstrengung, Druck oder Überforderung.

Illustration einer Person mit Fernglas als Symbol für Selbstbeobachtung und Bewusstwerden von Selbstregulation, um innere Prozesse und Verhaltensmuster im Alltag besser zu verstehen

 

Johannes:

Wenn ich das weiterdenke – was bedeutet das dann für unseren Umgang mit solchen Situationen im Alltag?

Kirstin:

Es bedeutet, Situationen weniger über das Ergebnis zu bewerten, sondern stärker über die Prozesse, die dazu führen.


Damit verschiebt sich der Blick darauf, wo überhaupt Ansatzpunkte für Veränderung liegen – und damit auch darauf, dass wirksame Maßnahmen immer an den tatsächlichen Ursachen ansetzen müssen, nicht nur an den sichtbaren Folgen.

Johannes:

Und was würde das konkret für die Praxis heißen?

Kirstin:

Am Anfang kann es vor allem darum gehen, die eigene Gewohnheit zu unterbrechen, Situationen sehr schnell einzuordnen – meist entlang vertrauter Muster.


Innezuhalten und kurz wahrzunehmen, wie wir gerade denken und bewerten, ist oft gar nicht so selbstverständlich.


Genau dieses kurze Beobachten ist aber ein wichtiger erster Schritt, der später verändertes Handeln überhaupt erst möglich macht.

Illustration einer Person und eines Gehirns als Teamplayer zum Thema ADHS und Selbstregulation im Alltag

 

Johannes:

Lassen Sie uns noch kurz auf ADHS schauen – ausgehend von den Prozessen der Selbstregulation.

Kirstin:

Ja, ADHS können wir gut als eine Ausprägung verstehen, bei der diese Prozesse der Selbstregulation weniger verlässlich funktionieren.


Sie reagieren empfindlicher auf Anforderungen und Belastung.


Im Unterschied zu den alltäglichen Schwankungen, die jeder Mensch kennt, zeigt sich das hier nicht nur situativ, sondern über längere Zeiträume hinweg in einer geringeren Verlässlichkeit dieser Prozesse.


Dadurch kann der Alltag deutlich ungleichmäßiger und herausfordernder werden.

Johannes:

Und daraus ergeben sich dann besonders Themen wie Prokrastination, Stress oder dieses Gefühl von Mental Load?

Kirstin:

Genau. Klassische Ansätze wie „mehr Disziplin“ oder „besser planen“ greifen oft zu kurz, weil sie am Verhalten ansetzen und nicht an den Bedingungen, unter denen es entsteht.


Entscheidend ist für mich, nicht mehr Einsatz zu fordern, sondern die Bedingungen zu verändern, unter denen wir handeln – also das Denken so zu gestalten, dass Handeln weniger Energie kostet.

Johannes:

Und dort setzt auch der Herbst-Kurs an?

Kirstin:

Ja – als Perspektivwechsel: weg von Selbstzuschreibungen hin zu einem besseren Verständnis der Prozesse, die unser Handeln im Alltag prägen.

Johannes:

Viele würden sagen: „Ich hätte lieber gleich konkrete Strategien.“ Ist das nicht ein Umweg?

Kirstin:

Das verstehe ich sehr gut! Aber nein – denn es ist die Voraussetzung dafür, überhaupt wirksame Strategien entwickeln zu können.


Ohne dieses Verständnis bleiben wir bei den genannten allgemeinen Lösungen, die nicht greifen.


Wenn der Perspektivwechsel gelingt, entstehen im Alltag oft schon neue, praktikablere Ansatzpunkte – unabhängig davon, ob mit oder ohne ADHS.

Johannes:

Und auch für die, die andere Menschen begleiten oder unterstützen?

Kirstin:

Der Perspektivwechsel ist hier ebenfalls wichtig: mehr Verständnis, weniger Bewertung. Das gilt auch für die Arbeit mit anderen Menschen und kann ganz neue Zugänge zu wirksamer Unterstützung eröffnen!

Johannes Zülicke:

Vielen Dank für das Gespräch und für diesen anderen Blick auf das, was zwischen Wollen und Tun passiert. Ich nehme mit, dass darin ein zentraler Ansatz für Veränderung liegt, nach dem viele schon lange suchen.


Interview als PDF

Das Interview „Zwischen Wollen und Tun“ steht hier als PDF zum Download zur Verfügung.

Die PDF enthält denselben Inhalt wie der Artikel auf der Website.

Download
Interview „Zwischen Wollen und Tun“ – Selbstregulation im Alltag
Interview mit Kirstin und Johannes von der Heimvolkshochschule Alterode
selbstregulation-interview.pdf
Adobe Acrobat Dokument 706.5 KB


Wir sind unabhängig und finanzieren uns selbst!